Geschrieben von Reddaisy in
the past
Montag, 2. März 2009
Freitagabend und ich sitze im rosa Nicki-Anzug auf dem Sofa. Trinke, rauche, tippe. Mit 25 ist der Spaß scheinbar vorbei. Nichts geht. Nichts, Niente, Nada. Sehr ungeschmeidig. Mich beschleicht das Gefühl, ich verpasse etwas. Verpasse das Leben draußen. Gibt es Leben da dort hinter der Haustür? Findet Leben nur noch auf der Arbeit statt und stagniert es, sobald man in der Tiefgarage in sein Kfz steigt um Heim zu fahren? Irgendwie habe ich mir 25 anders vorgestellt. Aufregender, spannender und vielleicht sogar ein bisschen herausfordernder. Doch es bleibt mir nur das Fernsehgerät. Entertainment und Abbilder meiner Artgenossen nur aus der Röhre. Doch was nun tun? Anziehen, raus gehen? Wie ein verschmähter alleine am Tresen einer Altstadtlokalität sitzen und Gruppen von lachenden Artgenossen beobachten? Nein, das kann es nun auch nicht wirklich sein. Leben mit 14 war spannend. Es war schon eine Herausforderung überhaupt zu seinem vermeintlichen Recht zu kommen, eine Abendgestaltung genehmigt zu bekommen. War diese erste Hürde unter bettelnden Blicken und dahin gesäuselten „Ach bitte Mama, die Jessica darf auch…“ genommen, konnte es losgehen. Stundenlang bereiteten wir uns aufs Dorffest vor. Was ziehe ich an, kann ich mir deinen Pulli leihen, soll ich mir die Haare tönen, ist der süße aus dem Nachbardorf wohl da und – wird er mich wohl beachten? Schnell war sämtliches Kleingeld aus allen Ecken des Jugendzimmers geklaubt und man freute sich wie ein Schnitzel, wenn man 10 Mark zusammen hatte. Das war schon was. Aufgebretzelt wie eine Horde Douglas-Verkäuferinnen machten wir uns gruppendynamisch auf dem Weg zum Runway des Dorfes: das Schützenfest. Wie immer regnete es, wie immer standen die gleichen faden Gestalten an der Pommesbude vor der Halle. Angetrunken, die weißen Uniformen schon vom Matsch besudelt. Doch es war schön. Die Vorbereitungen, die Erwartungen, Hoffnungen und eben das ganze drum und dran. All die kleinen Zänkeleien, Grüppchen die sich feindselig von Weitem observierten. Gerüchte und aufgedeckte „Skandale“ Die kleinen Affären. Und nach einem Wochenende im Regen, im bier-benebelten Schützenhaus war man erschöpft und glücklich und freute sich auf das nächste Jahr, auf das nächste Schützenfest. Mit all seinem Gossip. Doch mit jedem Jahr wurde es unspektakulärer, ja gerade zu enttäuschend langweilig. Nun bin ich fern ab. Letztes Jahr habe ich nach schätzungsweise 4 Jahren einen Blick auf den Lieblingsevent meiner Teenagerzeit geworfen. Und da stehen sie noch immer: angetrunken, die weißen Uniformen vom Matsch entjungfert. Die gleichen Fratzen, die gleichen Bratzen. Habe ich wirklich etwas verpasst? Nicht an dieser Stelle. Und jetzt und hier liegt in meiner Hand. Sehen wir es mal so: ich sitze hier und finde es fad. Mit jedem Satz den ich schreibe schwindet dieses Gefühl – vermisse ich diese Zeit? Nein, ich erinnere mich gern. Ich bewahre mir dieses kleine, sentimentale Stück Vergangenheit und freue mich über knapp 80 qm gut beheizter Altbauwohnung in der Stadt. Meins. Mein Sofa, meine Röhre, meine Heizkostenrechung. Und morgen wird gerockt. Vielleicht.